Gastbeitrag: Digitalisierung und Konsequenzen aus der Pandemie – bekommt Hamburg eine Chance für mehr Lebendigkeit

Dr. Herlind Gundelach, Präses des Zentralausschuss Hamburgischer Bürgervereine von 1886 r.V., schreibt in ihrem Gastbeitrag über die Digitalisierung und Konsequenzen aus der Pandemie.

HG
Verfasst von

Herlind Gundelach

Dr. Herlind Gundelach ist Präses des Zentralausschuß Hamburgischer Bürgervereine von 1886 r.V., einem Verbund von Vereinen zur Wahrung von politischen, kommunalen, wirtschaftlichen und sozialen Interessen der hamburgischen Stadtteile.

Hamburg verstand und versteht sich noch heute als Bürgerstadt. Und dennoch gründeten sich Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Bürgervereine, ein Widerspruch?

Nein, denn die sog. einfachen Bürger fanden sich damals von der Politik des Senats nicht ausreichend beachtet, die Stadtpolitik war ihnen zu „handels- und hafenlastig“.

So hat Bürgerengagement in Hamburg eine lange Tradition und deshalb beteiligt sich auch der Zentralausschuß Hamburgischer Bürgervereine von 1886 r.V. an der vom Hamburg Konvent angestoßenen Diskussion.

Bürgervereine setzen auf Kontinuität und konstruktives Miteinander, anders als Bürgerinitiativen, die sich zumeist anlassbezogen gründen und nach getaner Arbeit dann auch wieder auflösen.

So wichtig Visionen, Konzepte wie z.B. „Hamburg als Wissenschaftsstadt“ für eine Großstadt wie Hamburg sind, so wichtig ist es, dass die Bürger mit ihren Alltagsproblemen in der strategischen Planung der Stadtpolitik nicht vergessen werden. Bürger wollen mitgenommen werden, sie wollen und fordern zu Recht, dass die Stadt auch auf ihre alltäglichen Bedürfnisse ausgerichtet wird.

Deshalb stellen wir uns in unseren Vereinen immer wieder die Frage: Was braucht die Stadt, was braucht mein Stadtteil, um für alle Schichten und Altersklassen lebenswert zu sein.

In einer Großstadt wie Hamburg ist Wohnen ein zentrales Thema. Und hier muss ohne Ideologie herangegangen werden, Zentrum und Außenbezirke der Stadt müssen gleichberechtigt betrachtet, Miete und Eigentum dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Auch sind die Belange sämtlicher Generationen miteinander in Einklang zu bringen, und zwar nicht, indem man sie segregiert, hier die Jungen, da die Alten. Das muss sowohl bei der Planung neuer Wohnungen als auch bei der Sanierung bzw. Verdichtung vorhandener Viertel berücksichtigt werden. Wir brauchen, und das haben die Erfahrungen gerade der letzten 12 Monate gezeigt, ein stärkeres Miteinander der Generationen, wir brauchen Einrichtungen und Orte, wo dieses Miteinander auch praktiziert werden kann und wo sich die unterschiedlichen Generationen treffen können, und zwar nicht nur gelegentlich, sondern alltäglich.

Viele Kinder wachsen heute ohne Großeltern auf bzw. sehen sie zu selten, als dass ein wirklich enges Verhältnis entstehen kann, und umgekehrt ist es genauso. Wir brauchen daher Orte der Begegnung und des Miteinander der Generationen, das ist für beide Seiten ein Gewinn und es muss nicht immer die eigene Familie sein.

Menschen, die gebraucht werden und sich auch so fühlen, entwickeln mehr Lebensqualität, sind in der Regel gesünder und junge wie ältere Menschen lernen mit den jeweils anderen bewusster umzugehen, lernen Rücksichtnahme. Auch sind viele Dinge jungen Familien und älteren Menschen gemeinsam. Beide brauchen gut ausgebaute und intakte Fußwege, gut für Kinderwagen und Rollatoren bzw. Rollstühle, barrierefreie Zugänge zu Wohnungen, Geschäften, Arztpraxen und zu den öffentlichen Verkehrsmitteln.

Corona und die in der Pandemie gewonnenen Erfahrungen werden zu deutlichen Veränderungen in unserem Alltag führen, vor allem in Städten, die stark durch den Dienstleistungssektor geprägt sind. Diese Veränderungen betreffen den privaten Alltag ebenso wie das Berufsleben. In den Innenstädten werden weniger Büroflächen nachgefragt werden, der Wechsel zwischen Home-Office und Arbeit im Büro wird unseren beruflichen Alltag prägen. Kurz: Präsenzzeiten in den Büros werden weniger und der Arbeitsplatz ist aufgrund der zunehmenden Digitalisierung der Arbeitsprozesse oft auch nicht mehr an einen festen Schreibtisch gebunden.

Diese Chance sollten wir nutzen und mitten in der Stadt neue Wohnformen erproben, ergänzt durch ausreichende Möglichkeiten der Nahversorgung. Das täte unseren Städten gut, die nach Feierabend meistens vereinsamen und daher alles andere als attraktiv sind, weder für die eigenen Bewohner noch für Touristen. Es brächte mehr Lebendigkeit, mehr Stadtgefühl, was wir schon lange entbehren und was uns an gewachsenen Städten ohne Brüche wie z.B. Paris und Rom so sehr fasziniert.

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